Was treibt dich wirklich an?
von Dr. rer. nat. Marlies Koel
Im 8. Jahrhundert ist Rabia von Basra, eine Mystikerin, mit einer brennenden Fackel in der einen und einem Eimer Wasser in der anderen Hand durch die Straßen von Basra gegangen. Als sie gefragt wurde, was sie da tue, antwortete sie:
Ich will Feuer ins Paradies legen
und Wasser in die Hölle gießen.
Damit beides verschwindet.
Mich berührt diese Geschichte seit vielen Jahren. Nicht wegen ihres religiösen Bildes. Sondern wegen der Wahrheit, die in ihr liegt.
Denn vielleicht zeigt sie etwas, was bis heute in dir wirksam ist:
Vielleicht hast du heute andere Worte für Himmel und Hölle.
Und doch wirken beide weiter.
Dann heißt der Himmel Erfolg.
Anerkennung.
Sichtbarkeit.
Zugehörigkeit.
Das Gefühl, jemand zu sein.
Und die Hölle heißt Ablehnung.
Scheitern.
Ausschluss.
Bedeutungslosigkeit.
Nicht genug zu sein.
Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich vielleicht dein Leben.
Oft hochfunktional.
Oft beeindruckend.
Oft diszipliniert.
Und doch innerlich nicht frei.
Was von außen wie Stärke erscheint, ist manchmal Angst in guter Kleidung.
Dann leistest du.
Dann passt du dich an.
Dann funktionierst du.
Nicht, weil dein Herz Ja sagt,
sondern, weil tief in dir eine alte Entscheidung wirkt:
Wenn ich genüge, darf ich dazugehören.
Wenn ich leiste, bin ich sicher.
Wenn ich scheine, bin ich wertvoll.
All das geschieht sehr früh.
In einer Zeit, in der du noch keine Worte hattest.
Kein Zeitverständnis.
Nur unmittelbares Erleben.
Ist es sicher – oder nicht?
Bin ich willkommen – oder nicht?
Was muss ich tun, um meinen Platz zu sichern?
Und diese frühen Entscheidungen bleiben oft ein Leben lang wirksam.
Entscheidungen darüber, wer du bist.
Wer die anderen sind. Wie das Leben ist.
Was du tun musst, um deinen Platz zu sichern.
Und so entsteht dein früher Weg des Überlebens.
Ein Weg, der dich weit getragen hat.
Und dich doch zugleich von dir selbst entfernt hat.
Später nennst du es vielleicht Ehrgeiz.
Pflichtgefühl.
Disziplin.
Verantwortung.
Doch manchmal liegt darunter etwas anderes:
Die Angst, nicht zu genügen.
Die Angst, übersehen zu werden.
Die Angst, aus der Gemeinschaft zu fallen.
Dann lebst du in einer modernen Himmel-und-Hölle-Logik, ohne es zu merken.
Das eigentliche Problem ist dabei nicht die Leistung.
Leistung an sich ist nichts Schlechtes.
Die Frage ist nur: Woraus heraus geschieht sie?
Aus Freude?
Aus Liebe?
Aus Wahrheit?
Aus Schöpferkraft?
Oder aus Angst?
Aus Anpassung?
Aus dem Versuch, einen Platz zu verdienen?
Solange Angst und Belohnung dich antreiben, bist du nicht wirklich frei.
Dann lebst du nicht wirklich aus dir selbst.
Dann wird dein Leben zu einem gut organisierten Überlebensweg.
Genau hier wird die Geschichte von Rabia so kraftvoll. Vielleicht ist es die leise Radikalität der Geschichte. Wollte Rabia genau das sichtbar machen: Solange dich Belohnung und Angst antreiben, bist du nicht frei.
Vielleicht ist die wichtigste Frage deshalb nicht:
Wie viel schaffst du?
Wie weit kommst du?
Wie erfolgreich bist du?
Vielleicht lautet die tiefere Frage:
Was treibt dich wirklich an?
Und noch weiter:
Wenn niemand dich bewundern würde,
wenn niemand dich belohnen würde,
wenn niemand dich absichern würde,
würdest du es dann immer noch tun?
Diese Frage ist unbequem.
Vielleicht ist sie gerade deshalb heilsam.
Denn der Weg heraus ist wahrscheinlich keine neue Strategie.
Keine bessere Optimierung.
Kein weiterer Plan, sondern Ehrlichkeit.
Eine stille, klare, manchmal schmerzhafte Ehrlichkeit.
Tue ich das aus Liebe?
Oder aus Angst?
Kommt das aus deinem Wesen?
Oder aus deinem Bedürfnis, dazuzugehören?
Vielleicht beginnt Freiheit genau dort,
wo du aufhörst, dich mit schönen Antworten zufriedenzugeben.
Wo du beginnst, dir selbst wirklich zu begegnen.
Wo du beginnst, still zu werden.
So still, dass du wieder hören kannst, was dich wirklich ruft.
Die Geschichte von Rabia ist kein spirituelles Märchen, sondern ein Spiegel.
Eine Erinnerung daran, dass wahre Motivation erst dort beginnt, wo Angst und Belohnung ihre Macht verlieren.
Dort, wo etwas in dir einfach Ja sagt.
Nicht, weil du es musst.
Nicht, weil du etwas bekommt,
sondern, weil es wahr ist.